HerausforderungenMehrere große Pharmakonzerne werden in den kommenden Jahren ihren Patentschutz auf umsatzträchtige Medikamente verlieren. Im Frühjahr 2002 erlosch der Patentschutz für das britische Unternehmen GlaxoSmithKline auf das Antibiotikum Augmentin, das in den USA einen Umsatz von jährlich 1,3 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete. Geneva, eine Tochtergesellschaft des Schweizer Pharmakonzerns Novartis, hat bereits im Juli 2002 ein Konkurrenzprodukt auf den Markt gebracht. Anleger und Analysten schätzen zudem den Erfolg von Forschungsabteilungen der Unternehmen nicht sehr optimistisch ein. Mehrere neue Präparate wie Vanlev, ein Blutdruckmedikament des US-Konzerns Bristol-Myers Squibb, erzielte nur mäßige Ergebnisse in klinischen Tests. Zu dieser Innovationskrise in Forschung und Entwicklung kommt politischer Druck, der den Spielraum für Preisdurchsetzungen und -erhöhungen einschränkt. Die Pharmabranche musste im Frühjahr 2001 eine empfindliche Niederlage einstecken. Mit der letzten Revision des GATT-Vertrages (General Agreement on Tariffs and Trade), auf dem die Welthandelsorganisation (WTO) basiert, wurde unter anderem das TRIPS-Abkommen (Trade Related Intellectual Property Rights) eingeführt. Dieses versieht pharmazeutische Produkte für 20 Jahre mit Patentschutz. Für diesen Zeitraum erhält der Patenteigner das Monopol für Produktion und Vermarktung des Medikaments. Das bedeutet, er kann den Preis weltweit konkurrenzlos bestimmen. In Südafrika waren zwei HIV-Präparate durch das Patentierungssystem des TRIPS-Abkommens patent- und preisgeschützt und damit für Patienten praktisch unerschwinglich. Innerhalb des TRIPS-Abkommens bestehen jedoch Regelungen, die es den Mitgliedsstaaten der WTO erlauben, ihr Gesundheitssystem zu fördern. Dazu gehören im Fall eines medizinischen Notstands die Möglichkeiten des Parallelimports (Import von kostengünstigen Präparaten aus Drittländern) oder der Zwangslizenzierung (kostengünstige Herstellung eines Arzneimittels im eigenen Land). Allerdings müssen diese Regelungen in nationales Recht umgesetzt werden. Als die Republik Südafrika dies versuchte, bekam es den Druck der Pharma-Industrie zu spüren. Sie drohte mit Handelsbeschränkungen und verklagte den Staat. Dieser stoppte daraufhin das Gesetzgebungsverfahren. Der Prozessbeginn am 6. März 2001 wurde von großen Demonstrationen begleitet und sorgte auch international für Aufsehen. Viele Organisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" protestierten, bis die 39 Pharmafirmen ihre Klage gegen das Gesetz zurückzogen. Dadurch trat das Gesetz in Kraft, das den Import kostengünstiger Arzneimittel und den Gebrauch von erschwinglichen Nachahme-Präparaten vorsieht. Ein wichtiger Präzedenzfall für die Entwicklungsländer war geschaffen, und das Preisgefüge für HIV-Medikamente hat sich seither drastisch verändert. Flucht nach vorneAls Ausweg aus der Misere suchen viele Konzerne ihr Heil in der Flucht nach vorne. Nach einer Fusionierungswelle Ende der 90er Jahre stehen weitere Übernahmen und Zusammenschlüsse bevor. Dies bedeutet auch eine zunehmende Kooperation der F&E-Abteilungen. Ob diese dadurch profitabler und innovativer werden, ist allerdings von bestimmten Voraussetzungen abhängig. Die Aktionäre der Unternehmen erwarten, dass die Gewinne wie gewohnt ansteigen. Um die Umsatzziele schneller zu erreichen, setzen viele Unternehmen auf effektive Vertriebs- und Marketingaktivitäten. Dazu gehört die Steigerung der Effektivität des Außendienstes durch geeignete Werkzeuge zur Software- und Datenanalyse. E-Detailling-Methoden ermöglichen eine bessere und schnelle Diagnose sowie Behandlung bei Krankheiten. Die Pharmaindustrie sucht nach neuen Gebieten, um Wachstum zu erzielen. Die Analyse von Genomen und Proteomen steht im Moment im Mittelpunkt der pharmazeutischen Forschung. Sie bietet die Möglichkeit, Medikamente individuell auf die genetische Struktur auszurichten. Um dieses Potenzial auszunutzen, müssen Unternehmen in der Lage sein, hohe und komplexe Datenaufkommen, die in der Forschung anfallen, optimal zu verwalten. 2001 haben nach einer Studie von PricewaterhouseCoopers 334 Unternehmen aus der Pharma- und Biotechnologie-Branche ihre Tätigkeiten zusammengelegt. Weiterhin gibt es Gespräche zwischen GlaxoSmithKline und Bristol-Myers. Die meisten Transaktionen im Pharma-Markt wurden in den USA geschlossen, gefolgt von Westeuropa. Triebfedern für diese Übernahmeaktivitäten war neben dem Interesse an Biotechnologie die Restrukturierung großer Pharma-Hersteller mit dem Ziel, ihre Effizienz zu steigern. Transaktionen in wachstumsstarken Bereichen wie Generika und Impfstoffen nehmen zu. Eine wachsende Zahl von Biotechnologie-Unternehmen haben ganze Geschäftsbereiche etablierter Pharma-Unternehmen übernommen. Damit können sie sehr schnell von bereits bestehenden Marketing- und Verkaufskapazitäten profitieren. |

